Nur einen

N

Nur einen neuen Schlüpfer wollte Karla. Acht hatte sie noch im Schrank liegen, frisch gebügelt, und einer haftete an ihrer Haut. Doch beim zehnten war der Gummi im Bund gerissen und in der Mitte hat der Stoff seine übliche Festigkeit verloren. Gute zwei Jahre hat der sicherlich hinter sich gebracht, dachte sie.

Zehn Schlüpfer sollen es sein. Die Größe der Menge muss immer stimmen, nicht mehr, nicht weniger, auch wenn es mal keine Ware gab im Laden, wie früher bei ihr im Dorf. Und bei zehn Stück meistert man auch ganz gut den Überblick, sogar wann und wo man das jeweilige Stück erworben hatte. War eine Unterhose durchgescheuert, ein Loch fraß sich durch das Weiß oder die Nähte rissen, dann musste schnell ein Ersatz her. Schnell, nun wenn es nur einen traf, floss doch noch etwas Zeit bis zum Kauf hin, mit der Gewissheit, ein zweiter Schlüpfer wird demnächst auch seine Schwächen offenbaren. Doch war es auf dem Lande nicht immer einfach das gewünschte Modell zu bekommen.

Im Konsum, wenn dann mal welche durch die Gertrud, die Verkäuferin, im Regal landeten, dann war es meistens die falsche Größe. Die Masse ging gleich unter der Theke weg, mit Aufschlag oder sie wurde getauscht gegen Mauerer- oder Putzarbeiten vom Mann der jeweiligen Kundin. Wie einmal, als die Gertrud unbedingt einen Sack Zement brauchte, bot sie dafür Schlüpfer wie auch Bananen an. Doch Karla konnte mit Zement nie dienen. Nun, ohne Zement keine Unterhose, die Gertrud blieb stur und Karla drängelte jeden Tag. Sie brauchte unbedingt zwei neue Unterhosen, egal wie. Trotz aller guten Worte und ein Geschnaufe über die mögliche Meldung an den Bürgermeister. Es war nichts zu machen, die Gertrud verweigerte den Verkauf und wartete lieber, bis der Bauer Lübke einen Sack von der Genossenschaft abzweigte, von den zehn, die in dem Jahr für die Schweineställe geliefert wurden.

Da blieb Karla nur die Kreisstadt, was damals wie heute eine Tagesreise ist. Doch selbst wenn sie dort hingefahren war, so konnte sie sich nie sicher sein, dass die passenden Modelle in der Konfektionsabteilung eingetroffen waren. Einmal musste sie sogar in den Zug zur Hauptstadt steigen, denn dort fand sich immer ein Laden, der ihre Größe führte. Doch die Schlüpfer auf Vorrat zu kaufen fiel trotz der Versorgungslage aus. Sie hielt an ihrer Idee fest, immer nur für den Ersatz im Schrank zu sorgen von der einen oder den zwei gerade verschlissenen Unterhosen. Am Ende, wenn alle beisammen sind, sollen neun Schlüpfer vor hier liegen, streng Falte an Falte übereinander gestapelt. Ein Prinzip was schon ihre Mutter einhielt und selbst im Krieg meisterte. Zehn, denn da kommt man bequem hinterher mit dem Waschen, wenn dann mal die Binde auslief während des Zyklus oder aber sich sogar ein Tröpfchen vom Urin im Stoff verfing. An sich aber reichte ein täglicher Wechsel, was dann hieß, dass sie nur alle drei Tage waschen musste. Einmal fragte selbst die Tochter von Karla, warum sie nicht gleich mehr Schlüpfer kaufe. Da könne sie doch in Ruhe die Wäsche sortieren und braucht somit nur einmal in der Woche die Maschine starten. Aber Karla verneinte, sie war damit immer zufrieden, selbst bei ihrem verstorbenen Mann klappte dieses Prinzip gut. Eben oder gerade auch dann, wenn die Haushaltskasse mal knapp war, blieb ihr nichts anderes übrig, als dass sie nur den kaputten Schlüpfer ersetzen konnte.

Und jetzt, zum einen wollen ihre Beine sie nicht mehr als zehn Meter tragen und dann mosert der Pflegedienst öfters mal rum, warum sie denn überhaupt alle drei Tage waschen müssen. Es sei nicht gut, meinte die Chefin der Pflegefirma. Karla konterte, sie schaffe es doch. Noch, meinte die Chefin: Sehen Sie sich doch an, Sie schaffen es doch kaum noch vor die Tür. Schnell widersprach Karla. Denn letztens war sie den gesamten Weg zum Konsum gelaufen. Dort wollte sie eine Unterhose kaufen, doch der Konsum war zu. Wegrationalisiert, wie der Nachbar meinte, da sei unser Dorf keine Ausnahme. Angeblich lohne es sich nicht mehr für die Firmen. Bestürzt trottete Karla nach Hause zurück. Erst wollte sie den Pflegedienst fragen, ob die denn ihr eine Unterhose besorgen würden. Doch kaum kam ihr das Bild der Chefin vors Gesicht, da verwarf sie schnell diese Idee. Für die sind ja schon der zweiwöchige Einkauf zu viel, obwohl die Besoldung ganz gut ist, so gut, dass sie ohne die Witwenrente nie diese Einkäufe bezahlen könnte.

Ein paar Tage später fragte sie ihre Tochter am Telefon, ob sie nicht einen bei sich kaufen kann und diesen ihr dann schickt Doch sie könne im Moment gar nicht, meinte die Tochter, sie müsse dorthin, und dann wäre ein Termin wieder ganz woanders. Aber an sich solle sie, Karla, doch noch mal richtig nach schauen, ob sie sich nicht verzählt hätte. Karla stockte und am liebsten hätte sie ihre Tochter gefragt, ob sie denn noch Zeit hätte, auf ihre Beerdigung zu kommen. Aber sie schwieg, biss sich auf die Lippen, denn dies hätte den Kitt für ihre Beziehung wieder ganz aus den Fugen gezogen. Wie vor zwei Jahren, als ein falsches Wort fiel auf das nächste falsche und danach war Funkstille zwischen den beiden.

Karla seufzte. Sie fand niemanden weiter, den sie hätte noch um Hilfe bitten können und sah sich dabei schon mit durchlöcherter Unterwäsche vorm Pflegedienst rumlaufen. Bei diesem Gedanken blickte sie auf das Haus Nachbarin, der Gertrud vom ehemaligen Konsum. Die könne sie doch noch fragen. Karla schleppte sich dann mit bitterer Spucke im Mund zu ihr rüber, schließlich, ausstehen konnte sie die Gertrud immer noch nicht, aber nicht nur wegen der damaligen Geschichte mit dem Zement. Sondern auch oder gerade weil die Gertrud nie an sie gedacht, nie, wenn mal gute Ware ins Dorf kam. Doch auch die Gertrud wollte nicht heute oder morgen in die Stadt fahren und holte stattdessen einen Katalog. Den drückte sie der Karla in ihre zitternden Hände. Karla schaute drauf und musste gleich kräftig schlucken. Einen Schlüpfer über den Versandhandel kaufen, das war ihr zuwider. Einmal hatte sie es getan, doch da kostete schon das Porto mehr als die Unterhose selbst und dann kam ewig die Lieferung nicht. Nein, stieg es ihr immer wieder in den Kopf, diese Firmen wollen doch bloß alle abzocken, insbesondere die Rentner, welche nicht mehr außer Haus kommen. Da steigt sie dann doch lieber in den Landbus und fährt in die Kreisstadt. Dies tat sie auch bis vor ein paar Jahren. Aber schon damals waren die Fahrzeiten noch schlechter geworden, so dass der Bus nur noch zweimal am Tag in die Kreisstadt hin und zurück fährt. Einmal hatte sie den Bus heimwärts sogar verpasst. Da blieb ihr nur noch ein Taxi oder sie mietete sich über die Nacht ins Hotel ein. Karla überlegte damals nicht lange, denn letztendlich war das Taxi die teurere Variante und da sie niemand vermisste, entschied sie sich für eine Nacht im Bahnhofshotel. Sie genoss den Abend, die stickige Luft aus der Kneipe, das Gemurmel der Stadt rund um die Uhr. Doch jetzt schafft sie diese Reisen nicht mehr, selbst wenn sie eine Pause machen würde in der Stadt. Ihre Beine, mit jeden weiteren Tag schleift diese mehr und mehr hinter sich her, als dass diese sie tragen würden.

Nur eine Unterhose wollte sie. Gestern hatte sie dies der Schwester vom Pflegedienst angedeutet. Doch die stöhnte gleich und meinte, sie hätte doch genug, da komme es doch auf den einen oder anderen Schlüpfer nicht an. Karla verneinte, im Schrank seien nur acht. Sie habe heute morgen extra nach gezählt und in der Wäsche ist auch keiner. Die Schwester verzog ihr Lächeln zu einem bitteren Strich. Karla schwieg, dabei drängte sich gleich das Bild auf, dass sie gerade in den Morgenstunden ein paar Tropfen Urin verliert und dies vor dem ersten Toilettengang. Wenn dies die Schwester erführe, dann würde sie gleich wieder meinen: Nehmen sie doch Windeln, da sparen sie sich die ganze Wäsche und das Thema mit den Schlüpfern hat endlich ein Ende. Windeln, allein wenn sie schon daran dachte, schossen ihr die Tränen ins Gesicht und immer wieder tickt ihr dann das Wort ‘Pflegefall’ durch den Schädel. Es tickt, es schlägt im Kopf hin und her über den ganzen Tag bis in die Nacht hinein. Erst wenn sie sich gegen zehn ein Glas Rotwein genehmigte unterbrach dieser es. Nur ein Glas.

“Na Karla, hast du wieder vergessen, dass es noch Essen gibt.” schreit ihr der Zivi vom fahrenden Mittagstisch auf der Straße zu. Karla lächelt vom Fenster ihm entgegen, wo sie schon eine Stunde gestanden hat und setzt sich an den Tisch. “Ich hab dir wieder eine neue Unterhose besorgt.”, meinte er und packt das Essen aus: “Wohin soll ich die denn legen.” Karla zeigte auf dem Berg von verpackten Schlüpfern neben dem Schrank. “Aber morgen, morgen gibt es mal keine. Ich hab morgen frei und bin mit der Band unterwegs.” Sie schaut ihn an, streichelt über sein Gesicht und lacht.

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Ein Blog, kleine “Skizzen” aus dem IntensivZimmer, der Führung in der Pflege, als pflegende Angehörige, dass DrumHerum, wie die Pflege “lebt”, ihr gut tut, die Teilhabe wie in der Schule, was die Kranken-, die Sozialkassen … Wir mitten drin mit der Linn, unserer IntensivLady …

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