Charlott 2 (q)

C

Let­ztens stand ich vor dem Spiegel und wollte wis­sen, ob man sie zählen kann, die Fal­ten. Sie wer­den mehr, so hat­te es mir die Hilde erk­lärt. “Wie mehr?” fragte ich sie. Sie schaute mich nur an und ich wusste, was sie mir sagen wollte. Doch ich legte meinen Fin­ger auf ihren Mund. Die Wahrheit, die brauch ich nicht, diese. Denn davon habe ich schon genug, dachte ich nur. Ich löste den Fin­ger wieder von Hildes Lip­pen. Ihre Augen waren größer als son­st. Ich will es gar nicht wis­sen, Hilde, ich will nicht, meinte ich. Doch sie schrie: “Was denn? Dass du leb­st wie in ein­er Gefan­gen­schaft, ist es das.” Sie krallte sich ihren Man­tel und ging. Gefan­gen­schaft. Es war mein Zuhause, auch wenn ich mit Fritz nicht raus kam, wenn ich immer an ihn gebun­den bin. Gefan­gen­schaft ist anders. Das ist die Klinik, wenn ich weit weg bin von Fritz, von Wern­er und es in mir drückt, ich müsse fort, ich muss zu ihnen.

In der Sitzung habe ich nie darüber gere­det. Warum auch? Für den See­len­doc ist diese Gefan­gen­schaft eh keine. Es ist die Ther­a­pie, wenn man gecrasht ist, wenn man vergessen hat, dass der Weg durchs Leben eigentlich schmaler ist. Zuerst streift man an den Zweigen und den Ästen der Sträuch­er, doch dann nimmt man die kleinen Bäume mit, bis man voll gegen einen knallt. Der Crash, nichts beson­deres, es schmerzt nicht mal. Man kann sich nur nicht mehr bewe­gen, man kommt nicht mehr aus dem Bett und bei jed­er Anstren­gung geht einem die Atmung weg. Das gin­ge nicht auf Dauer, wies mich ein Arzt in der Klinik hin. Ein junger Bursche. Ich glaub, er ver­stand einiges, auch dass es manch­mal nicht anders geht, als alles mitzunehmen, über­all anzueck­en. Ich stimmte ihm bei “Natür­lich, aber”. Dieses Aber ver­schwieg ich dann. Ihm reichte die Ein­sicht, das Leben funk­tion­iert so nicht.

Beim See­len­doc stand dies nie im Raum. Es war klar, wer hier her kommt, der muss sich drehen, ein paar Schritte zurück gehen und sich die Frage beant­worten lassen, was er alles falsch gemacht hat. Doch bin ich die anderen? Habe ich etwas falsch gemacht? Ich habe ein behin­dertes Kind. Es ist krank und ist dies der Fehler? “Um Gotteswillen, Nein, natür­lich nicht.” wür­den sie dann alle sagen. Da pflicht­en sie alle einem bei und geben einen zu ver­ste­hen, man müsse. Natür­lich, man müsse doch. Ein­fach abschieben das Kind in ein Heim oder zu Pflegeel­tern. Ich kön­nte es nicht. Aber das würde ich auch gar nicht hören, hier?

Die Fal­ten zählen. Ich wende mich ab vom Spiegel und stelle mich unter das Nass der Dusche. Die anderen sind sicher­lich schon wieder beim Früh­stück. Ich drehe den Regler auf Heiß, in der Hoff­nung die Unruhe durch die Hitze loszuw­er­den.

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