Die Nachbarschaft im Rauch

Wenn einem nicht gerade der Regen überfällt am Abend oder das Kind meint noch über den Schlaf und andere Hindernisse zum Wohlsein diskutieren zu wollen, dann holt man sich den Küchenstuhl in den Innenhof, setzt sich und schaut über die frisch begrünte Fläche. Ein Fussballfeld, so groß soll sie sein. Man versucht im Kopf zu vergleichen, ob dies denn nun wirklich stimmt, doch eigentlich wartet man auf nur zwei Dinge: Dass von rechts der Nachbar auf seinen Balkon geht und sich eine Zigarette anzündet und dass von links aus dem Bereich betreutes Wohnen endlich wieder gehustet wird, wie jeden Abend, wie jeden Morgen.

Aber es ist nicht irgendein Husten, es ist genau der, wo man mit aller Kraft eine ganze Hand voll Schleim hoch würgt. Dann schaut man nach rechts zum Nachbarn, der die Glut des Tabaks gerade zum aufhellen bringt und weiß: Irgendwie gibt es da einen Zusammenhang. Genau, das Rauchen, die Hauptursache für Atemnot und diesem elendigen Husten. Ob nun der Herr links, ich nehme mal an, dass es ein Mann ist, geraucht hat, werde ich wohl kaum in Erfahrung bringen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachbar rechts dies bekommt, ist nicht gering und sie steigt, wenn er noch häufig Bronchitis hat.

Dabei fällt mir immer auf, auch in einer letzten Diskussion, viele Raucher denken scheinbar immer nur, wenn Sie durch ihre Sucht sterben, dann sei es der Lungenkrebs. Dies ginge dann schnell und warum solle man nicht vorher gut Leben können.

Nun, ob man im Alltag eines Suchtkranken von Lebensqualität reden kann, ist für mich eh fraglich. Da hat man immer mit den Zwang zu tun, bekanntlich alle halbe Stunde, sich erneut Nikotin zuführen zu müssen und dazu kommt jetzt noch der „Aufstieg“ des Nichtraucherschutzes in der Öffentlichkeit. Damit wird es für ihn oder ihr immer heftiger, einen Ort zu finden für die nächste Zigarette. Findet man einen solchen Ort, genießt den blauen Dunst, kommt der Zwang Nummer zwei: Man riecht am Ende aus allen Poren nach kalten Rauch, was gerade beruflichen Alltag auch die Frage stellen kann, ob man nicht unangenehm auffalle dadurch. Die einen schleppen zum Ausgleich, wie mancher Alkoholiker, Kaugummis oder ein Mundspray mit sich rum. Beim Alkoholiker hat das Mundspray sogar noch seinen Vorteil, wenn darin Alkohol enthalten ist. Denn wenn die Frage kommt: Trinken sie? Dann holt er oder sie aus der Tasche das Spray und hält es seinem Arzt hin. Doch der Raucher muss noch größeren Aufwand betreiben: Ein Deospray, dass muss auch immer dabei sei, denn  der Inhalt vom Rauch wie Teer haftet bekanntlich gut in der Kleidung. Es ist also Stress, die der Hang am Tabak bereitet. Wo bleibt dabei die Lebensqualität? Und dann die Erkältungen, da liegt man als Raucher nicht nur einfach nieder, nein, es jagt einem noch der Husten und das Halsweh, länger als notwendig, da der Rauch die Entzündung immer wieder aufs Neue reizt. Das Gewebe findet keine Ruhe.

Aber egal, es gibt sicherlich wieder genug Gegenargumente. Doch was wohl die meisten Raucher vergessen, ist dem Herr von links seine Erkrankung. Zumindest wie es sich vom weiten anhört, scheint es sich um eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) zu handeln. Und die Hauptursache hier: Rauchen. Der Lungenkrebs ist nur eine Erkrankung und hat man die COPD, dann ist es mit der Lebensqualität, die die Zigarette bieten soll, im umgekehrten Sinne vorbei, über Jahre, Jahrzehnte wohl gemerkt. Es ist vorbei mit Treppen steigen und anderen „normalen“ körperlichen Aktivitäten. Man liebt dann nur noch die Ruhe, zum Glück gibt es ja das Fernsehen, da jede Bewegung einem dem Atem raubt. Und was ist das dann für ein Leben, wenn man sich, meistens von der Pubertät an, bis zum Tod nur mit seinen Atemwegen beschäftigt hat. Gibt es nichts besseres zu tun?

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