Epilepsie tanzt in den Sommerferien

Die Epilepsie tanzte mit dem Intensivkind vor den Sommerferien so sehr, dass sie in die Klinik musste. Zum Glück hieß es, es sei kein status epilepticus.  Ein neues Medikament (Fycompa) wurde probiert und unterbrach den großen Tanz. Die kleinen Tänze, kleine Anfälle, blieben in ihrem Lauf, ihrem Rhythmus. Es war erträglich. Das Intensivkind gewann an Lebensqualität, wir gewannen ein waches Mädchen.

Vor den Sommerferien ist vor dem Ende der Sommerferien.  Die Epilepsie tanzt wieder den großen Tanz. Die Lady ist weniger wach, sie nimmt weniger mit Regung an unserem Leben teil, reagiert vermindert auf Ansprache. Ich erlebe eine Angst, eine Idee, wenn die Epilepsie in diesem Rhythmus, in diesem hohen Takt weiter tanzt, so verliert die Dame ihre Persönlichkeit.

In einem kleinen Artikel fand ich die mutige, positive Aussage zu Demenzkranken und Persönlichkeitsverlust. Sie verlören nicht ihre Persönlichkeit, sondern diese verändere sich. Wenn man die Menschen näher kennt, so erkennt man weiterhin ihre individuelle Eigenart, ihre Persönlichkeit. Gut, ich bin mit dem Fach Demenz nicht vertraut, aber ich glaube, ich verstehe, was der/die AutorIn meint. Vielleicht ist Persönlichkeitsverlust nicht das treffende Wort für die Veränderung einer Person durch eine Erkrankung.

Die Epilepsie und auch die Medikamente verändern das Intensivkind, verändern ihre Persönlichkeit. Es ist ein Verlust, wenn wir den Eindruck gewinnen, sie verliert ihre Aktivität, ihre Aufmerksamkeit und Teilhabe am Leben um sie herum. Für uns ist dies ein Verlust, da wir weniger wissen, was reizt sie, mit was lässt sie sich bewegen, was regt ihre Aufmerksamkeit an, steigert ihre Lebensqualität. Der jetzige Tanz der Epilepsie sorgt dafür, diese Seiten ihrer Persönlichkeit zu nehmen, diese Seiten zuzudecken.

Vielleicht verbindet sich die Idee des Persönlichkeitsverlustes mit dem Abschied von der Person, mit dem Charakter, was man an dem Menschen geliebt hat, wie man ihn über die Jahre erfahren hat. Ein Mensch, wie er nicht mehr sein wird. Dabei müssen wir auch unsere Illusionen über den Menschen verabschieden. Denn der Mensch ändert sich stetig, doch schauen wir die Menschen um uns häufig mit einer kategorisierenden, versteinernden Brille an. Dies ist energiesparend und funktioniert solange, wie die Person die Grenzen der jeweiligen Kategorien einhält.

Wir sehen den Menschen, den/die Geliebte/n so, wie wir ihn haben möchten, wie wir ihn brauchen.  Im Alltagsstress fehlt die Zeit, die Kraft, unsere Lieben jeden Tag wieder aufs neue kennen zu lernen.  Es funktioniert, bis die Persönlichkeit bricht, „große“ Charaktereigenschaften schwinden und der Mensch nicht mehr mit dem inneren Bild, was wir von ihm haben, übereinstimmt. Sie oder er ist physisch da, doch ist sie oder er nicht mehr die Person, wie wir ihn kennen gelernt haben, wie wir ihn geliebt haben. Ein doppelter Abschied. Einer von der gewesenen realen Persönlichkeit, einer von unserem inneren gemalten Bild über sie oder ihn. Ein schwerer Abschied, ein Verlust unserer Illusion, unseres Bildes über den Menschen.

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