Charlott 2 (u)

Ich hätte es ja nie geglaubt. Sie hat­te aber immer davon gere­det. Werde bloß nicht alt, hat­te sie immer gesagt, wenn man sie getrof­fen hat­te. Werde bloß nicht alt und hat­te dann vom Ster­ben gere­det. Sie hätte sich einen guten Mix von ihren Tablet­ten gemacht, hieß es, runter geschluckt mit einem ein­fachen Fusel aus dem Super­markt, und das war es. Aufge­fall­en war es schon, dass sie weg war, man dachte, sie sei in der Klinik, aber dann stand plöt­zlich ein junger Mann mit der Polizei vor der Tür. Es gab Gerede und ein­er werkelte am Schloss rum. Ein paar Tage später kam dann eine Fir­ma in die Woh­nung, warf den Haus­stand in einen Con­tain­er, der nicht mehr brauch­bar war, die anderen Sachen nah­men sie mit.

Fast wöchentlich hat­te ich die Alte immer getrof­fen und wenn Fritz dabei gewe­sen war, den hat­te sie gar nicht beachtet. Ihr gin­ge es schlecht, hat­te sie immer gemeint und hat über die Ärzte her gezo­gen, ja wenn man jung wäre, dann wür­den die sich um einen küm­mern, aber wenn man alt wäre, da gäbe es bloß Hin­hal­temit­tel, Tablet­ten die eh kaum was brin­gen wür­den und nur so kurz helfen wür­den, damit man bloß jeden Monat wieder in die Prax­is käme und nicht sofort die Rentenkasse ent­las­ten würde. Ja, am Leben wür­den die einen erhal­ten, doch mehr auch nicht. Und dann hat­te sie immer wieder gemeck­ert, wenn die Treppe nicht gemacht war oder es erneut nach Urin am Ein­gang stank. Ich hat­te es immer über­hört, da kannste eh nichts machen, ein­mal sind es die Kinder, die zu faul sind in die Woh­nung auf Toi­lette zu ren­nen. Die lassen lieber unten die Hosen runter und entleeren sich gegen die Hauswand. Und dann die Typen vorm Super­markt, die machen es denen gle­ich. Aber sie hat­te immer geschimpft und wollte dann immer sofort beim Ver­mi­eter anrufen. 

78, so alt sei sie, hat­te sie mal erzählt. Ich fand es okay, sie hat­te noch ganz fit aus­ge­se­hen und war ohne Stock unter­wegs. 78, das sei ja auch ger­ade erst über dem Durch­schnitt, was man erwarten würde im Leben, hat­te ich gemeint zu ihr, ein­mal. Doch sie hat­te nur zurück ger­aunt, es reiche ihr. Jet­zt sei sie über 15 Jahre in der Rente und nichts, nichts außer Langeweile. Aber da, hat­te ich erwidert. Sie hat­te sofort meine Stimme abgewürgt, sie wisse schon, was sie tun würde. Man könne dort und dort noch arbeit­en, mit helfen, ehre­namtlich. Nichts da, sie hätte die Schnau­ze voll. Und dann lag sie plöt­zlich tot im Bett. 

Lange musste ich über sie nach­denken, die einen gehen, irgend­wie frei­willig und Fritz, er ist da. Er kann nicht sagen, ob er keine Lust mehr hat, aber ihn hergeben, dem Tod übergeben. Ich schluck­te mehrfach, auf dass dieser Druck in den Augen, dieser Stau, verschwindet.

Kat­e­gorie: 



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