Wenn das Mehrfach mit Schwerst in Verbindung tritt

Manch­mal sind es die Begrif­flichkeit­en, die einem das Leben schw­er machen, wie in dem Fall “Wo liegt der Unter­schied zwis­chen schw­er und schw­erst mehrfach­be­hin­dert. Nun, zuerst meint das Rechtschreibpro­gramm, es kenne kein Wort “schw­erst“. Ich gebe ihm recht, denn so heißt es richtig ”am schw­er­sten“, also müsste ich schreiben: am schw­er­sten mehrfach behin­dert. Doch ist dies eher etwas für den direk­ten Ver­gle­ich, zum Beispiel wenn wir mal in die Kinder­garten­gruppe vom Inten­sivkind schauen, da würde dieser Ver­gle­ich wun­der­bar funk­tion­ieren. Alles ist vertreten: Ange­fan­gen vom Null-Hand­i­cap im Sinne von ”nor­mal“, eben bis zu der schw­eren mehrfachen Behin­derung des Intensivkindes.

Doch wenn sich die Eltern aus der Selb­sthil­fe mit ihren behin­derten Kindern tre­f­fen, da ist die Ein­deutigkeit, welch­es Kind dort am schw­er­sten mehrfach­be­hin­dert ist, nicht per Blick fest­stell­bar. Es wäre eine willkür­liche Fes­tle­gung, wenn wir sagen, das Inten­sivkind sei am schw­er­sten mehrfachbehindert.
Aber frage ich erst­mal: Was heißt denn mehrfach?

Mehrfach, das drückt aus, dass ein Hand­i­cap nicht nur auf einem Gebi­et wie z.B. der geisti­gen Entwick­lung beste­ht, son­dern mehrere Beein­träch­ti­gun­gen nebeneinan­der existieren. Unter mehrfach ken­nen wir am deut­lich­sten dabei die Kom­bi­na­tion von kör­per­lich­er Behin­derung und geistiger, meint aber auch ein Zusam­men mit der Wahrnehmung von geminderten Seh- oder Hörver­mö­gen. Und schwer?

Schw­er­er ist ein Hand­i­cap sicher­lich ab dem Punkt, wenn klar wird, hier braucht der Men­sch zusät­zliche Hil­fen wie Hil­f­s­mit­tel oder Assis­ten­zen. Ohne diese Hil­fen kann er am Leben nicht teil­haben, kann sein Leben alleine nicht erhal­ten. Bei Kindern müsse man natür­lich noch ver­gle­ichend schauen, wie entwick­elt ein gle­ichal­triges Kind ist, also welchen Hil­febe­darf es hat.

Doch zurück zu der Frage, ab wann man von der Steigerung ”schw­erst” sprechen. Nun zum Ersten löse ich mich mal von dem Begriff “schw­erst mehrfach­be­hin­dert”, nicht weil es mit der Rechtschrei­bung einen Kon­flikt gibt, son­dern, wenn man bei Wikipedia den Begriff Schw­er­st­be­hin­derung dur­char­beit­et, kommt man zu dem Ergeb­nis: Es bein­hal­tet schon das mehrfach, also eine Beein­träch­ti­gung des ganzen Men­schen, also viel­er sein­er Fähigkeit­en, die ihn aus­machen. Es ist eine “Art” Steigerung des Begriffs “mehrfach”. Der Schw­er­st­be­hin­derte ist in allen seinen Erleb­nis­möglichkeit­en und im Aus­druck, also der Kom­mu­nika­tion, betrof­fen, somit anders.

Dies ist ein Aspekt. Daneben zeich­net das “schw­erst” eben noch aus, dass sich die ver­schiede­nen Beein­träch­ti­gun­gen gegen­seit­ig bedin­gen oder verur­sachen, zum Beispiel auf­grund ein­er ver­langsamten Gehirn­tätigkeit kommt es auch zur Sehschwäche, was wiederum die spezielle Wahrnehmung an sich bed­ingt. Aber auch kön­nen die Beein­träch­ti­gung andere ver­stärken. Diese Beein­träch­ti­gun­gen sind bei einem Schw­er­st­be­hin­derten so kom­plex, dass man diese oder den Men­schen zu kein­er gängi­gen Behin­derung wie kör­per­lich oder geistig zu ord­nen kann. Der Men­sch ist in sein­er beson­deren Form ganzheitlich betrof­fen, wodurch er die Umwelt unmit­tel­bar erfährt über den Kör­p­er und sich mit sein­er ganzen Per­son aus­drückt. Daneben braucht er zum Beispiel Assis­ten­zen, die ihm dem Wech­sel der Posi­tion oder die Fort­be­we­gung ermöglichen.

Doch kom­men wir zurück zum “am schw­er­sten mehrfach­be­hin­dert”. Nach unserem Wis­sen jet­zt dür­fen wir das Wort “mehrfach” stre­ichen. Doch heißt es gle­ich: Nein! Dies kön­nen wir nicht. Wieso? Nun um den Men­sch auf der Straße oder dem Nach­bar das Leben vom Inten­sivkind ein Stück näher zu brin­gen, ist dies zum all­ge­meinen Ver­ständ­nis mitunter notwendig. Doch hier stre­ichen wir es aus der Wort­gruppe und küm­mern uns nur noch um den Ver­gle­ich “am schwersten”.

Mehrfach erfuhren wir, dass unser Kind sehr schw­er betrof­fen sei, schw­er­er als andere. Doch habe ich bei der Äußerung häu­fig ein ungutes Gefühl. Zum einen empfinde ich ihn als ungerecht gegenüber anderen schw­er­st­be­hin­derten Kindern. Jede Beein­träch­ti­gung hat seine indi­vidu­elle, kom­plexe Note. Zum anderen ist es eine Frage der Wahrnehmung, der Wahrnehmung des Umfeldes, also der Eltern, vom Kind und dem Kind selb­st. Mehrmals erlebte ich, dass Eltern die Behin­derung ihres Kindes als das schw­er­ste Schick­sal wahrnehmen, eine “Steigerung” darüber sehen sie nicht und die anderen behin­derten Kindern sehen sie als “weniger” betrof­fen. “Also wenn es doch nur das wäre, damit kön­nte man doch zufrieden sein”, wür­den sie dann sagen. Für mich wird dabei deut­lich, ein Ver­gle­ich hat einen Hak­en und ich möchte ihn ver­mei­den. Jede Art der Beeein­träch­ti­gung, mag sie leichter oder schw­er­er sein, bringt immer andere Prob­leme mit sich, wobei ein Fak­tor ist, wie man als Eltern auf die Behin­derung eingestellt ist und wie weit das “Ander­sseon” des Kindes von der Umwelt zur Behin­derung, zu einem Prob­lem, wird. Es ist aber auch das Recht der Eltern das Hand­i­cap des Kindes als ein schw­eres Schick­sal wahrzunehmen. Es ist nur schade, wenn sie dabei bleiben.

Ein Ver­gle­ich mit “am schw­er­sten” hat aber noch einen weit­eren Hak­en. Behin­derung wird primär als etwas defiz­itäres wahrgenom­men und häu­fig gle­ichge­set­zt mit gemindert­er Leben­squal­ität. Doch für mich ist nicht erkennbar, warum man meint, je weniger ein Men­sch an Fähigkeit­en hat, die Nicht­be­hin­derte haben, desto geringer ist dessen Leben­squal­ität. Die Leben­squal­ität bed­ingt sich ein­mal durch die Erkrankung, die Prob­leme wie Schmerz und Leid erzeugt. Eine Behin­derung ist zwar häu­fig mit ein­er Erkrankung verknüpft, da diese die Ursache darstellt, doch ist Behin­derung nicht gle­ich Erkrankung.
Und Leben­squal­ität eines Men­schen mit Hand­i­cap bed­ingt sich zum anderen sicher­lich auch dadurch, wie die Umwelt auf ihn eingestellt ist, auf sein Anderssein.

“Schw­erst behin­dert”; studieren wir hierzu den Duden, dann ler­nen wir, dass “Schw­erst” nicht allein ste­hen darf. Es wird zusam­men geschrieben mit dem fol­gen­den Wort der Wort­gruppe, worauf sich die Steigerung bezieht. “Schw­er­st­be­hin­dert” heißt es also, was uns gibt einen weit­eren Hin­weis: Der Ver­gle­ich wird ver­all­ge­mein­ert. Wir müssen unser Inten­sivkind nicht mehr ver­gle­ichend zwis­chen mehreren anderen mehrfach behin­derten Kindern stellen, da dieser eh durch die Indi­vid­u­al­ität am Ende irgend­wie in Schieflage kommt. Stattdessen fall­en wir in einen Kreis, in eine “Menge”, wo trotz­dem jed­er Men­sch weit­er­hin etwas beson­deres ist, auf seine spezielle Art und Weise, was nicht fass­bar­er wird, indem man die Menge in weit­ere Schw­ere­grade ein­teilt. Anzumerken gilt: Ich rede hier nicht über den Pflegeaufwand, der unter­schiedlich sein kann, was auch von der / den Erkrankung(en) abhängt.

Kat­e­gorie: 



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